«Täter» – «Opfer» – «Täter-Opfer»

 

Kleiner wissenschaftlicher Exkurs

Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ist meist leicht festzustellen, wer belästigt hat und wer belästigt wurde: X macht eine sexistische Bemerkung über das Aussehen von Y – Y ist verletzt.  Ob die Begriffe «Täter» und «Opfer» für eine solche Situation hilfreich sind, ist eine andere Frage. Oft werden sie in der Literatur unhinterfragt gebraucht. In der Welt des Rechtes ebenso, dort allerdings darf von «Täter» oder «Täterin» nur die Rede sein, wenn die Schuld feststeht. Vor der Verurteilung ist von der «angeklagten» oder «beschuldigten» Person die Rede, vom «vermeintlichen Täter».  In unserer Arbeit haben wir oft das Gefühl, dass das vorschnelle Benützen dieser Begriffe eine statische Sicht auf die Geschehnisse schaffen oder verfestigen kann. 

Dies gilt insbesondere für Mobbing. Sicher gibt es Situationen, wo Menschen andere gezielt und systematisch ausgrenzen und entmachten, wo «Täter» und «Opfer» zu Recht so bezeichnet werden. Im Alltag unserer Beratungen und Abklärungen jedoch stossen wir meist auf Situationen, die alles andere als klar sind. Wer hat wem was zuleide getan? Wer hat worauf reagiert? Beschuldigte erleben ihr Verhalten als gerechtfertigte Reaktion auf vorangehende Ereignisse.  Immer wieder stellt sich uns die Frage: Ist unser Gegenüber Mobber, Gemobbter oder womöglich beides zugleich?

Françoise D. Alsaker, Psychologieprofessorin an der Universität Bern, erforschte Mobbing unter Kindergartenkindern und Schülern (Alsaker, Françoise D.: Quälgeister und ihre Opfer. Mobbing unter Kindern und wie man damit umgeht. Huber 2003/04).  Alsaker konnte vier Kategorien von Kindern klar unterscheiden: Täter, Opfer, Unbeteiligte und ... Täter-Opfer. Die Täter-Opfer sind Kinder, die andere plagen und zugleich selber geplagt werden. In mancher Hinsicht weisen sie die gleichen Merkmale auf wie die Kinder aus der Tätergruppe: aggressives verbales und physisches Verhalten oder Prahlen - in anderer Hinsicht gehören sie zur Opfergruppe: Sie sind einsam und wenig beliebt bei den andern Kindern, haben Anpassungsprobleme und oft Sprachschwierigkeiten. 

Unserer Erfahrung nach gibt es die Kategorie der Täter-Opfer auch bei den Erwachsenen. Sie bedürfen besonderer Unterstützung und klarer Führung. Auf theoretischer Ebene verweist dies darauf, dass die Kategorien «Täter» und «Opfer» die Sicht auf die wirklichen Geschehnisse verstellen und damit Veränderungsprozesse erschweren können.     

 

The Kite Runner